Quo vadis, Krankenkasse?

20.02.2026
Persönliche Meinung

Warum wir gerade jetzt Reformen mit Maß und Mitte brauchen!
Blogbeitrag von Maximilian Hoffmeister, Kommission Gesundheit

Quo vadis, Krankenkasse?

Zwischen Reformbedarf und Leistungsanspruch – warum wir gerade jetzt Reformen mit Maß und Mitte brauchen

Wer dieser Tage die gesundheitspolitische Debatte verfolgt, könnte den Eindruck gewinnen, unser gesetzliches Krankenversicherungssystem stehe kurz vor dem Kollaps – und als ließe sich dieser allein dadurch abwenden, dass entweder Leistungen gestrichen oder der Zugang zur Krankschreibung erschwert wird. Forderungen nach einer Einschränkung des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenkassen, die Überlegung eines unbezahlten ersten Krankheitstages oder die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung dominieren die Schlagzeilen, während angesichts dieser schwierigen Debatte eine mediale Empörungswelle nach der nächsten folgt.
Dabei wird eines oft übersehen: Die Probleme unseres Gesundheitssystems sind real und Denkverbote damit erstmal nachrangig – doch nachhaltige Reformen entstehen nicht durch einseitige Leistungskürzungen, sondern durch gezielte Prävention, Rationalisierung statt vorschneller Rationierung und die gesamtgesellschaftliche Erkenntnis, dass wir alle unseren Beitrag leisten müssen, wenn wir nicht mit einem schwächeren Kompromiss aus weniger Qualität zu niedrigeren Preisen leben wollen.

Zunächst die unbequeme Wahrheit: Der Reformbedarf ist unbestreitbar. Die gesetzlichen Krankenkassen stehen unter erheblichem finanziellem Druck. Für das Jahr 2024 wurde laut Bundesgesundheitsministerium ein Defizit von rund 6,2 Milliarden Euro ausgewiesen, die Beitragssätze steigen, und der demographische Wandel lässt die Aussicht auf Besserung ohne Grundsatzreform in weite Ferne rücken. Immer weniger Beitragszahler finanzieren immer mehr Leistungsempfänger, während medizinischer Fortschritt und steigende Erwartungen an Qualität und Individualität die Ausgaben zusätzlich antreiben. Wer diese Realität ignoriert, handelt fahrlässig.
Aber ebenso fahrlässig ist es, Reformpolitik auf reine Symptombekämpfung zu reduzieren.
Eine Haltung, die Reformen grundsätzlich ablehnt und den Status quo verklärt, mag politisch aktuell bequem sein – sie ignoriert jedoch die realen Herausforderungen eines Systems, das ohne Anpassungen schon mittelfristig weder solidarisch noch leistungsfähig bleiben wird.

Leistungskürzungen lösen kein Strukturproblem

Die Idee, Leistungen aus dem Katalog der gesetzlichen Krankenversicherung zu streichen – etwa in der zahnärztlichen Versorgung –, mag auf den ersten Blick nach schneller fiskalischer Entlastung klingen. Tatsächlich verlagert sie Kosten lediglich vom Solidarsystem auf den Einzelnen. Das Problem kehrt damit später in anderer, meist dringlicherer Form zurück.
Gerade Zahngesundheit ist kein Luxusproblem: Unbehandelte oder verspätet behandelte Zahnerkrankungen erhöhen nachweislich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes-Komplikationen und chronische Entzündungen. Präventive Versorgung ist hier nicht nur medizinisch sinnvoll, sondern auch volkswirtschaftlich effizient.
Prävention ist der einzige Hebel, der Kosten senkt und zugleich Gesundheit fördert – alle anderen Maßnahmen bewegen sich zwangsläufig im Zielkonflikt.
Die Fakten sind eindeutig: Prävention ist günstiger als Reparaturmedizin. Wer Leistungen streicht, die frühzeitige Diagnostik und Behandlung ermöglichen, spart nicht – er verschiebt Kosten in die Zukunft, wo sie höher ausfallen und mehr Probleme bereiten.

Der hohe Krankenstand: Fakt oder Fiktion?

In der Debatte um Karenztag und Krankschreibung geht es oft um Fehlanreize und mangelnde Eigenverantwortung – zu selten um den wichtigsten Einflussfaktor: das betriebliche Umfeld. Arbeitsbedingungen wie Führungskultur, Flexibilität, Prävention und Vertrauen entscheiden maßgeblich darüber, ob Beschäftigte gesund bleiben, sich auskurieren oder krank zur Arbeit erscheinen. Die Bedingungen am Arbeitsplatz sind damit ein zentraler und häufig unterschätzter Treiber des realen Krankenstands.
Der internationale Vergleich mahnt zur Vorsicht vor einfachen Schlussfolgerungen. Länder wie Österreich, Dänemark und Norwegen kennen faktisch keinen Karenztag und zeigen dennoch keine außergewöhnlich hohen Arbeitszeitausfälle.
Warum Deutschland in OECD-Statistiken bei „bezahlten Fehltagen“ oft weit oben erscheint, erklärt eine Sonderanalyse des IGES-Instituts: unterschiedliche Meldeverfahren und Erfassungssysteme. Durch die elektronische AU-Bescheinigung (eAU) gelingt hierzulande eine beinahe vollständige Erfassung der Krankheitstage, während in vielen anderen Ländern Fehltage statistisch untererfasst werden. Bei der tatsächlich verlorenen Arbeitszeit liegt Deutschland nur im oberen Mittelfeld. Aus den OECD-Zahlen lassen sich daher keine belastbaren Aussagen über einen außergewöhnlich hohen Krankenstand oder gar die Wirkung von Karenztagen ableiten.
Auch der AOK-Fehlzeiten-Report relativiert die Debatte. Zwar wurden 2024 bei AOK-Versicherten durchschnittlich 23,9 AU-Tage registriert, zugleich führen die Autoren den Anstieg ausdrücklich auf die vollständigere Erfassung durch die eAU zurück. Unterschiedliche Datengrundlagen liefern zudem deutlich abweichende Krankenstandsquoten. Pauschale Aussagen über einen „zu hohen Krankenstand“, wie sie politisch geäußert wurden, greifen damit zu kurz.
Einschränkungen der deutschen Datengrundlage finden sich bei Privatversicherten und Beamten.
Vor diesem Hintergrund bleibt der Karenztag ein Nebenhebel mit eher begrenzter Wirkung. Zielführender sind betriebliche Gesundheitsförderung, flexible Arbeitsmodelle, gesundheitsorientierte Führung und die Möglichkeit, bei Bedarf ein Attest ab dem ersten Tag zu verlangen. Auch die telefonische Krankschreibung ist kein Treiber höherer Fehlzeiten, sondern Ausdruck effizienter telemedizinischer Versorgung.
Entscheidend ist daher weniger die Frage nach neuen Hürden für Krankmeldungen als die systematische Rolle der Arbeitgeber als Gesundheitsakteure. Wer Fehlzeiten senken will, muss Arbeitsplätze gesünder machen – nicht Krankschreibungen schwieriger.

Eigenverantwortung ernst nehmen – ohne medizinische Risiken zu ignorieren

Zur Ehrlichkeit in der Debatte gehört auch die Eigenverantwortung auf Patientenseite, die nicht nur beim Thema Krankschreibungen von zunehmender Bedeutung ist.  Ein weiteres sichtbares Beispiel ist die häufige Inanspruchnahme von Notaufnahmen für medizinische Bagatellen. Millionen Menschen suchen sie wegen leichter Infekte oder seit Wochen bestehender Beschwerden auf, die besser ambulant behandelbar wären. Das bindet Ressourcen, verlängert Wartezeiten und belastet das Personal – zulasten echter Notfälle.
Gleichzeitig wären moralische Schuldzuweisungen fehl am Platz. Viele handeln aus Unsicherheit: unklare Zuständigkeiten, eingeschränkte Erreichbarkeit des Notdienstes oder mangelnde Gesundheitskompetenz führen dazu, dass die Notaufnahme im Zweifel als sicherster Anlaufpunkt erscheint. Eigenverantwortung setzt Wissen, Orientierung und erreichbare Alternativen voraus.
Gesundheitsbildung, Lotsenfunktionen, niedrigschwellige Beratung (wie z.B. die 116117) und eine bessere Verzahnung von ambulanter und stationärer Versorgung stärken Eigenverantwortung, ohne den Zugang zu gefährden. Fehlsteuerung lässt sich nicht durch Abschreckung beheben, sondern durch Transparenz und Vertrauen, die Reform der Notfallversorgung setzt hier wertvolle Akzente.

Prävention konkret: Nikotin, Zucker und Ernährung

Wenn Prävention ernst gemeint ist, muss sie auch dort ansetzen, wo Krankheitslast entsteht. Der Nikotinkonsum verursacht in Deutschland jährlich ca. 30 Milliarden Euro an Gesundheitsfolgekosten durch Krebs-, Herz-Kreislauf- und Lungenerkrankungen. Hier wäre die Entlastung der Krankenkassen durch höhere Tabakabgaben ein mögliches Instrument – aber auch radikalere Ansätze nach neuseeländischem Vorbild, wo der Verkauf von Zigaretten an nachfolgende Generationen schrittweise beendet wird, dürfen kein Tabu mehr sein.
Ähnlich verhält es sich mit exzessivem Zuckerkonsum. Zuckerhaltige Getränke sind ein zentraler Treiber von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Adipositas und Diabetes Typ 2. Lenkungssteuern oder -abgaben können Konsumverhalten und sogar Produktzusammensetzungen nachweislich verändern. Flankiert werden muss dies durch die Förderung regionaler, unverarbeiteter Lebensmittel und bessere Ernährungsbildung. Wer Prävention will, muss unmissverständliche Rahmenbedingungen schaffen – reiner Appell reicht nicht mehr aus.

Das eigentliche Problem liegt woanders

Die zentralen Kostentreiber sind bekannt: ineffiziente Strukturen, überbordende Dokumentationspflichten, mangelhafte Verzahnung der Versorgungsbereiche, zu viele Arztkontakte und ein System, das Intervention besser vergütet als kluges Gesundheitsmanagement – während mangelnde Prävention und gesellschaftlich akzeptiertes Risikoverhalten dazu führen, dass vermeidbare Krankheitskosten nicht eigenverantwortlich kompensiert, sondern kollektiv mitgetragen werden.
Deutschland gibt im internationalen Vergleich sehr viel Geld für Gesundheit aus – gemessen am BIP mehr als alle anderen EU-Staaten. Gleichzeitig liegen wir bei zentralen Gesundheitsindikatoren wie der Lebenserwartung oft nur im Mittelfeld. Das Problem ist nicht primär die Höhe der Ausgaben, sondern ihre Verwendung.

Digitalisierung und Entbürokratisierung konsequent nutzen

Die elektronische Patientenakte, interoperable IT-Systeme und der Abbau von Doppeluntersuchungen bergen enorme Einsparpotenziale. Beispielhaft können wir auch hier von unserem Nachbarland Dänemark lernen, wo KI längst Pflege entlastet und zum Beispiel Stürze im Klinikumfeld verhindert, während hierzulande (wahrscheinlich unterbewusst) mal wieder Daten- über Patientensicherheit gestellt wird.
Bürokratieabbau ist dabei kein Schlagwort, sondern unmittelbare Notwendigkeit. Jeder Euro, der in Verwaltung statt in Versorgung fließt, fehlt an anderer Stelle. Hier liegt ein Reformfeld, das selten laut diskutiert wird, aber enorme Wirkung entfalten könnte.

Fazit: Reformen brauchen Richtung, nicht Reflexe

Die aktuelle Debatte zeigt vor allem eines: Die Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung ist kein Randthema mehr, sondern längst eine zentrale Zukunftsfrage unseres Sozialstaats. Doch wer Reformen auf schnelle Einsparungen, symbolische Härte oder isolierte Leistungseingriffe verengt, verkennt die eigentlichen Ursachen der Schieflage.
Die entscheidenden Hebel liegen nicht in der Rationierung, sondern in Prävention, intelligenter Patientensteuerung, effizienteren Strukturen und einer ehrlichen Debatte über Eigenverantwortung. Ein System, das stärker auf die Behandlung als auf die Abwendung von Krankheiten fixiert ist, wird auf Dauer weder günstig noch gerecht sein.
Notwendig ist daher ein Perspektivwechsel: weg von kurzfristiger Symptombekämpfung, hin zu einer strukturellen Modernisierung, die Versorgungsqualität sichert und begrenzte Ressourcen wirksam einsetzt.
Diese Reform gelingt nur, wenn sie als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden wird – mit Offenheit für unbequeme Fragen, ohne Denkverbote, aber mit Maß, Mitte und dem gemeinsamen Willen, unser Gesundheitssystem zukunftsfest zu machen.

Quo vadis, Krankenkasse?

Die Antwort darauf entscheidet nicht nur über Beitragssätze, sondern über nichts weniger als die soziale, wirtschaftliche und gesundheitliche Zukunft unseres Landes.

Quellen:

https://caas.content.dak.de/caas/v1/media/88938/data/e97f6edd56500bf7009e421662f5d401/250127-download-studie-krankenstand-2024.pdf
https://www.aok.de/fk/betriebliche-gesundheit/grundlagen/fehlzeiten/ueberblick-fehlzeiten-report/